Pauls letzter Brief

Nun hat man sich ja bereits an einige triste Sonntagabende gewöhnen müssen. Für alle die, die nicht auf der großen Fahrt der Oceana Ende September dabei sein konnten und demnach auch nicht in der Lage waren, die letzten 'offiziellen' Zeilen unseres Helden verlesen zu bekommen, denen sei dieser letzte Brief von Paul E. Pop hiermit nachgereicht. Als letztes großes Pop-Papier sozusagen.

Natürlich kann die wunderbare Atmosphäre auf der Oceana nicht mit einer schnöden Internetseite wiedergegeben werden, aber zumindest sollt ihr wissen, welche Beweggründe Paul zu diesem Schritt veranlasst haben.

Ganz lieben Dank an Tina aus der Nähe von O., die diese Manuskripte unter Einsatz ihres Lebens von der Oceana organisiert hat. Eine Verfolgung durch Königsteins Schergen mutet dagegen wie ein Spaziergang an...

Paul E. Pop schreibt uns dazu folgendes...

"Es ist das Knarren des Mastes," hatte Professor Jacques Flostre einmal gesagt. "Das hölzerne, schwere Knarzen, das dich mit seinem Rhythmus begleitet. Dieses wohlige Geräusch, das du spüren kannst, das aus der Seele deines Bootes kommt". Das war der Grund, weshalb mein Freund hölzerne Schiffe bevorzugte. Das Knarren des Mastes, das Knattern der Segel, die Wellen, die um den Rumpf glucksten und rauschten. Es wie Musik, hatte er in einer der warmen Nächte gesagt, als wir mit der Sangeeta über den Atlantik gesegelt waren. Und du kannst gar nicht anders. Du musst in den langen Stunden der Nachtwache dieser Musik lauschen.

Auf der letzten großen Reise, die wir zusammen unternommen hatten, hatte ich dieses Lied zum ersten Mal wirklich gehört. Es nahm mich mit auf eine ganz andere Reise, eine Reise, auf der die zurückgelegten Meilen keine Rolle mehr spielten. Ebenso gut konnte das Schiff still stehen, während sich die Welt, die Luft und das Wasser vorbei bewegten. Ich weiß, das klingt bedeutungsschwer, pathetisch und ein wenig abgedreht, aber man kommt eben auf seltsame Gedanken, wann man da Nachts auf einem Segelschiff am Ruder sitzt. Zu sehen gibt es fast gar nichts, aber dafür hört man umso mehr.

Ausgerechnet Jacques Flostre, der rätselhafte, Jahrhunderte alte Mann, der schon so viele Welten und Parallelwelten besucht hatte, war zu einem leidenschaftlichen Segler geworden, der gar kein Interesse mehr daran hatte, weite Strecken hinter sich zu bringen. Jaja, der Weg ist das Ziel, hatte ich am Anfang dieser Reise noch gespottet. Doch nach ein paar Tagen auf See hatte auch mich diese Magie gefangen genommen.

Mir wurde dabei immer klarer, dass es wirklich Zeit war, dass sich etwas für mich veränderte. Für mich, für Lee, für Rita, und all meine Freunde. Nein, ich habe nicht beschlossen, ein anderer Mensch zu werden. Ich möchte nur ein bisschen mehr der Paul sein, der ich einmal gewesen bin, der manchmal eben auch das Lied eines hölzernen Segelschiffs hören konnte.

Das Lied des Schiffes, das mich nachts auf Flostres Yacht begleitete, brachte mich zurück in eine viel frühere Zeit, als ich eine ganz andere Musik zum ersten mal gehört hatte. Damals hatte ich verblüfft festgestellt, dass plötzlich auch in meinem Gesicht Haare sprießen konnten. Meine vertraute, piepsige Stimme war seltsam geworden und irgendetwas brachte mich dazu, immer wieder um das Haus einer gewissen Gabi Thiele zu radeln, auch wenn ich es nie gewagt hätte, dort zu klingeln.

Und dann saß ich an einem Frühsommerabend auf unserem Balkon - mit dem Blick auf den Hof, die Mülltonnen und die Klopfstange. Im Radio neben mir liefen die "Schlager der Woche" - damals eine der ganz wenigen Sendungen, wo man überhaupt irgendetwas aus England oder Amerika hören konnte. Der Himmellag abendblau und seidig über der Stadt; die ersten Sterne wagten sich heraus. Und auf einmal veränderte sich alles. Die Musik, die vorher nur eine seichte Berieselung gewesen war, hatte plötzlich eine tiefere, geheimnisvolle Bedeutung. Sie war voller Sehnsucht; klang groß und geheimnisvoll und schien mich zu einer neuen, unbekannten Reise einzuladen. Das war sicherlich keine wolken-um-die-Ecke schiebende epische, progressive Rockmusik. Ich war noch weit davon entfernt, Gruppen wie Pink Floyd, Jethro Tull oder Family kennen zu lernen. Es war schlichter, einfacher Pop. Lord Knud präsentierte alles zwischen Roy Black und Middle of The Road. Mit etwas Glück konnte man dort auch mal die Kinks oder die Rolling Stones hören.

Doch an diesem Abend schienen selbst die seichtesten Lieder den Himmel über unserem Hof zu öffnen. Ich dachte an die ersten Männer, die auf dem Mond gelandet waren. Ich dachte an eine Reise zu endlos fernen Planeten. Und ich dachte natürlich an Gabi Thiele, deren Haus ich im Laufe dieses Sommers noch unzählige male mit dem Fahrrad umkreisen würde. Nur nicht am Montag Abend: Da saß ich von diesem Tag an immer ab acht auf dem Balkon, härte "Schlager der Woche" und hoffte, dass der Himmel sich noch einmal öffnen würde. Tat er aber nicht. Die Musik allerdings - hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. 

"Du kannst Sorgen haben", sagte ich eines Tages spöttisch zu Man Friday, dem kahlköpfigen, tätowierten Chef der kleinen Tauchbasis, gleich neben unserem Haus auf Tobago. Seit Tagen schon zermarterte er sich den Kopf über den neuen Steg, den er bauen wollte. Links waren zu viele Steine; rechts bestand die Gefahr, dass eine Strömung die Pfähle unterspülen könnte. Und nach etlichen Wochen der Planung; nach unzähligen Skizzen, Schnorchel-Expeditionen, Vermessungen und Kalkulationen war er noch immer keinen Schritt weiter. Es war eigentlich alles kein ernstes Problem. Der alte Steg konnte durchaus noch ein weiteres Jahr halten, und wenn sich all seine eleganten Ideen nicht umsetzen ließen, dann würde er eben etwas bauen, was nicht ganz so perfekt sein würde.

Aber davon wollte Man Friday nichts hören. Er hatte sich in dieses Projekt hineingesteigert. Er schlief schlecht. Er war nervös und gereizt - besonders, wenn man ihn nach seinem Steg ansprach. Und so hielt ich einfach meine Klappe und dachte nur "Deine Sorgen möchte ich haben!"

Ehrlich: Ich habe mich oft nach einem Leben gesehnt, in dem eine verstopfte Kaffeemaschine das größte Problem des Tages ist. Ich möchte mich mal wieder richtig langweilen! Aber die letzten größeren Anfälle von Langeweile habe ich als Kind erlebt. Spätestens seit ich nach der Schule unausgesetzt um Gabi Thieles Haus radeln musste, sind Stunden selten geworden, in denen ich mich richtig gelangweilt hatte. Zum Durchatmen war immer weniger Zeit.

Am Ende war das der Hauptgrund gewesen, in den Achtzigern Berlin zu verlassen. Ich wollte meiner Stadt eigentlich gar nicht auf alle Ewigkeit den Rücken kehren. Ich wollte irgendwo hin, wo gar nichts mehr passierte; wo ich nur noch faul sein könnte. Ich wollte so lange Urlaub machen, bis mich die heulende Langeweile packen würde. Bis ich das tiefe, innige Bedürfnis verspüren würde,1etwas Sinnvolles, Kreatives zu tun. Aber statt träger Faulheit passierte auf meinen Reisen immer mehr! Und egal wo ich war: Ich begann plötzlich von Berlin zu träumen. lrgendwo sitzt mir vielleicht immer sogar ein wenig Heimweh im Nacken.

1985 habe ich meine Heimatstadt verlassen. Das alte, dicke, selbstgefällige, große Berlin. Ich habe damals nichts als Spott und Verachtung für die Stand empfunden, die sich feierte und glaubte, der Nabel der Welt zu sein. Ich war unterwegs in Skandinavien, Griechenland und Nordafrika. Ich redete mir ein, etwas besseres zu sein. Ich war frei, während meine alten Freunde und Bekannten immer noch auf dieser winzigen Insel Berlin hockten, und im Sommer an den Wannsee pilgerten, wo die Boote so dich im Wasser lagen, dass man trockenen Fußes das andere Ufer erreichen konnte.

Ich konnte es allerdings nicht verhindern, dass mich diese Stadt im Schlaf verfolgte. Egal, wie absurd und exotisch meine Träume sein mochten, sie spielten immer vor der Kulisse der steilen, vierstöckigen Mietskasernen. Wenn ich schlief, roch ich den erdigen, schwarzen Mief aus den Kellern, trabte ich über die vertraute Pflasterung der Berliner Bürgersteige, saß ich im Oberdeck der doppelstöckigen Busse, oder zählte die Bäume an der Straße vor Gabi Thieles Haus.

Selbst heute noch, nach einem Vierteljahrhundert mit verrückten Erlebnissen an den unmöglichsten Orten, holen mich meine Träume oft genug zurück an die Spree, an die Mauer und in den Grunewald. Ich weiß nicht, warum mich diese Zeit so hartnäckig verfolgt, vielleicht ist sie ein heimlicher Anker, um den ich immer noch weite und noch weitere Kreise ziehe.

Vielleicht sollte ich mir diese Frage auch gar nicht stellen. Es ist eben so. Punktum! Und wenn ich morgens die Augen öffne, bin ich ja in einer anderen Welt. Einer Welt, die mich immer wieder überwältigt hat. Das erste Mal am Rande der Sahara. Das erste Mal an einem Strand an dem die hohen Wellen des Atlantiks auflaufen. Das erste Mal in einem Ort in Afrika. Und jeder dieser Momente hat sich eingebrannt.

"Lass dich nicht anquatschen", hatte Emerald Lion gepredigt. "Guck ihnen nicht in die Augen, ignorier sie einfach". Mein Freund in Afrika hatte mich anfangs mit seinen Verhaltensmaßregeln überschüttet. Und er hatte vollkommen recht gehabt. In den Ländern am Mittelmeer kann man sich als blasser Mitteleuropäer noch so bewegen, wie man es gewohnt ist, aber sobald man in einem wirklich anderen Kulturkreis landet, wo die Menschen vielleicht eine andere Hautfarbe und einen andere Geschichte haben, wird man zu einem Fremdkörper und oft genug hilft da nur noch eins: Den Kopf einziehen. Was ich dann auch tat.

Immerhin habe ich gelernt, auf die Ratschläge anderer zu hören. Hätte ich das damals schon getan, als ich in gebührendem Abstand meine Runden um das Haus von Gabi Thiele gedreht hatte, ich hätte mir viele Enttäuschungen ersparen können. Ein paar gute, aber eher prä-pubertäre Freunde hatten mich darauf hingewiesen, dass Gabi doch ein Mädchen wäre und deshalb sowieso keine übersteigerte Aufmerksamkeit verdient hätte. Andere wiederum, die etwas weiter waren, meinten, dass es nicht sonderlich ergebnisorientiert wäre, wenn ich immer nur mit dem Fahrrad um ihr Haus kurven würde, um dann womöglich im Erdboden zu versinken, falls sie mir einmal bei diesen Expeditionen begegnen sollte. Ein sehr verwegener Hippie-Onkel riet mir sogar, ihre Telefonnummer zu besorgen und sie einfach anzurufen. Was ich dann auch tat. Also: Ich besorgte mir die Telefonnummer. Und schon nach 10 Minuten kannte ich diese Nummer auswendig. Mit dem Anrufen klappte es nicht so gut.

Aber zum ersten Mal in meinem Leben stellte ich fest, dass ich über ein besonderes Talent verfügte. Ich konnte gut wählen und rechtzeitig wieder auflegen. Nur ganz wenige Male hatte jemand den Hörer schneller abgenommen, bevor ich die Verbindung kappen konnte. Aber solche Rückschläge machten mich nur noch stärker. Ich fühlte mich wie Kolumbus, Vespucci, James Cook oder die namenlosen Polynesier im Pazifik, die keine Ahnung hatten, wo sie landen würden, wenn sie die falsche oder die richtige Nummer gewählt hatten. Und sie hatten einfach darauf los gewählt, wussten nicht, ob Gabi Thiele oder ihre Mutter am anderen Ende der Leitung wären. Sie haben nicht einmal gewusst, ob es überhaupt ein anderes Ende der Leitung gab.

Die australischen Ureinwohner glaubten, dass wir nur in der Traumzeit wirklich wären. Was wir im Schlaf erleben, ist für sie die Realität, während die Welt, die wir mit offenen Augen sehen nur ein reichlich mickriger Traum ist, in dem wir nicht einmal fliegen können. Vielleicht haben sie Recht.

Aber ehrlich gesagt, ich finde das, was man im Wachzustand erlebt, traumhaft genug. Bisweilen auch zu traumhaft. Ich habe nichts dagegen, mich mit einem durchaus gebildeten, lispelnden Einhorn zu unterhalten und ich habe mich auch daran gewöhnen können, von einem 30 cm großen Fatoomaner begleitet zu werden, der entfernt einem Plüschkrokodil aus einem Kasperletheater ähnelt. Aber einiges von dem, was ich in den letzten Jahrzehnten erlebt habe, war absurd. Ich habe es brav aufgeschrieben und nach Bremen geschickt und hinterher habe ich mich oft gefragt: "Werden die mich eigentlich für völlig verrückt erklären? Kann mir das irgend jemand noch abkaufen?" Parallelwelten, Reisen in die Vergangenheit, unsichtbare Verschwörer, düstere Kulte aus grauer Vorzeit. Das ist alles ein bisschen zu viel. Und ich kann es niemand verübeln, wenn er mich für vollkommen durchgeknallt hält.

Vielleicht ist es auch besser so. Wenn mich alle für vollkommen normal halten würden, hätte die Wunderwelt vermutlich noch nicht einmal ihren ersten Jahrestag erlebt. Ich hätte dann vielleicht bewegende Berichte von der Einführung und den Folgen der Mülltrennung in Berlin geschickt. Von zugeparkten Gehwegen im Wedding oder von Gabi Thieles rehbraunem Lederrock. Aber ich fürchte fast, dass wir damit keinen Blumentopf gewonnen hätten. Nein, nach 24 Jahren Wunderwelt, habe ich mich daran gewöhnt, der "durchgeknallte Freund" auf der anderen Seite des Atlantiks zu sein.

Ich gebe es zu: Inseln haben mich schon immer fasziniert. Als ich ganz klein war, träumte ich von Lummerland. Wo es sogar ein sehr erstaunliches, öffentliches Nahverkehrsnetz geben soll. Später stand ich am Pier von Læsø, zwischen Dänemark und Schweden und sah den Fährschiffen hinterher. Dann glaubte ich auf den griechischen Kykladen mein persönliches Shangri-La gefunden zu haben. Aber nichts hat mich so bewegt, wie mein erster Besuch in der Karibik. Es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick. Diese langgezogene Kette großer und kleiner Inseln, die üppige Festlandsküste mit Regenwäldern, Sümpfen, Riffen und Bergen. Das alles hat mich von Anfang an berührt. Vielleicht, weil ich auch ein bisschen feige bin, denn die Karibik ist nie so fremd und rätselhaft, wie andere Gegenden auf dem Globus. Die Karibik hat etwas durchaus vertrautes für den blassen Mitteleuropäer.

"Ich war, wenn ich's mir recht überlege", schreibt Paul E. Pop, "schon immer etwas feige". Ich brachte es zwar irgendwann tatsächlich fertig, mich mit Gabi Thiele zu verabreden. Ich hatte sie mit dem Job als Sängerin geködert, in meiner noch nicht ganz existierenden Band. Diese Band hieß Snapshot und der Plan bestand darin, dass ich mir die Haar lang wachsen lassen würde, eine Gitarre kaufen und auch spielen lernen würde und dann mussten wir ganz ohne Frage, richtig groß rauskommen. Als ich dann da auf ihrem Jungmädchenzimmer-Eckbett saß, machte sie plötzlich das Licht aus und sagte: "Ich geb dir eine Chance".

Man muss dazu wissen, dass Gabi ein astronomisches Jahr älter war als ich, biologisch jedoch war sie mir um mindestens 5 Jahre voraus. Was dazu führte, dass ich ihre Chance ergriff und es fertig brachte, in der fast vollständigen Dunkelheit herumzutasten, auf Anhieb den Schalter zu finden und das Licht wieder einzuschalten. Ich war ein wenig stolz auf mich. Sie war's nicht. Und in den nächsten paar Monaten musste ich mich wieder damit begnügen, mit dem Rad um ihr Haus zu fahren. Es würde noch zweieinhalb Jahre dauern, bis ich erneut so eine Chance erhalten sollte, da hatte ich Gabi Thiele dann aber auch erfolgreich verdrängt.

Ich erinnere mich gut an meinen ersten Besuch auf Dominica. Die kleine Maschine mit den riesigen Fenstern war weitgehend leer geblieben. Ganze vier Passagiere saßen in der geräumigen Kabine und das war dann wohl auch der Grund, warum die Verbindung St. Martin - Dominica dann auch kurze Zeit später wieder eingestellt wurde.

Doch an diesem nachmittag war es einer der entspanntesten Flüge, die ich je erlebt habe. Auf Augenhöhe mit den Gipfeln von St. Kitts, Nevis, Montserrat und Guadeloupe zog unsere Twin Otter ihre Bahn und schließlich kam auch Dominica in Sicht. Oder vielmehr die große, schwarze Wolke, die über der Insel lag. Nach einem kurzen, unentschlossenen Vorstoß an die Westküste änderte unser Pilot seinen Kurs. Schaukelnd und schlingernd gingen wir tiefer und als wir die Wolken durchstießen, lag einen ganz andere, eine rauhe Küste unter uns, die eher an die Bretagne oder an die äußeren Hebriden erinnerte. Hohe, schäumende Brecher peitschten auf die Felsen, dann ging es über riesige Plantagen. Wie abertausend grüner Sterne ragten Palmen aus einer roten Erde. Noch eine schmale Kurve, dann sackte der Flieger auf die Landebahn. Regentropfen prasselten an die Fenster und was man draußen erkennen konnte, sah aus wie der tiefste, südamerikanische Dschungel. Ein paar geduckte Betonbauten, üppige Vegetation, keine Spur von irgend einem benachbarten Ort.

Wegen des Unwetters waren wir nicht auf Dominicas damaligen Hauptflughafen Cane Field, nahe der Hauptstadt gelandet, sondern auf dem abgelegenen Melville Hall Airport. Eigens für uns waren Zöllner zu diesem Ersatzflugfeld gekarrt worden, und die waren dann ganz besonders gründlich mit unserem Gepäck. Eigentlich seltsam, dass ich mich schon einen Tag später wirklich in diese Insel verliebt habe.

In Dominica mag es an den meisten Tagen des Jahres regnen. Auf St. Lucia oder Martinique gibt es verblüffend wenige dieser Sandstrände, von denen der Karibikurlauber vielleicht geträumt hat. Aber zwischen St. Vincent und Grenada gibt es eine Inselgruppe die wirklich einem Bilderbuch entstammen könnte. Die Grenadines sind das Wunderland, in dem die schönsten Szenen von Johnny Depps Piratenfilm gedreht wurden. Schneeweiße Strände vor türkisfarbenen, kristallklaren Buchten, kleine und grüne Buckel, die aus dem Meer ragen, verschlafene Fischerorte mit bunten Holzhäusern, in denen langmähnige Rastas den Obst- und Gemüsehandel untereinander aufgeteilt haben.

Und vor allem: Keine Anleger für die Kreuzfahrtschiffe und keine großen Flughäfen, über die man die Grenadines direkt erreichen könnte. Man muss beschwerliche Umwege in Kauf nehmen, um auf diese Inseln zu kommen, oder man reist mit der eigenen oder der gecharterten Segelyacht an und dann kann man auf diesem Archipel wirklich einen karibischen Traum erleben.

Ich selber war einmal schwimmend zwischen diesen etwa 20 Inseln und Inselchen unterwegs, einigermaßen unfreiwillig, und das war weniger unterhaltsam. Sicherlich, das Wasser war warm, das Panorama grandios und die Strömungen waren's auch. Und ich kann wohl von Glück reden, dass ich am Ende mit heiler Haut davon gekommen bin.

So ist das eben mit den echten Abenteuern. Ohne Gefahren geht's nicht, auch wenn ich gern darauf verzichten könnte. Doch um diesen grüblerischen Monolog mal die Schärfe zu nehmen: Ich habe die Grenadines auch einige Male unter freundlicheren Vorzeichen besucht und wenn man dann vor Inseln mit malerischen Namen wie Canouan, Mustique, Savan oder Carriacou festmacht, dann kann die Welt aber so was von in Ordnung sein, dass man eigentlich gar nicht mehr weg möchte.

Ganz unten rechts auf der Karte liegt das letzte Juwel unserer Inselkette: Tobago. Ich glaube, ich habe in all meinen Reiseberichten vom Leben, vom Alltag, vom Liming und von den Leuten in Charlotteville erzählt. Und wäre es nach mir gegangen, dann hätte ich wahrscheinlich mehr Zeit in unserem kleinen, verschlafenen Ort verbracht. Aber allzu oft kam irgendetwas, oder irgendwer dazwischen. Das soll sich ändern. Oder vielmehr: Es hat sich schon geändert. Fast seit einem Jahr bin ich einfach nur zu Hause. Bei Rita, Lee, Ophelia, Marco und Nuts und all unseren anderen Freunden, die wir haben. Ich bin derjenige, der das Ende der Wunderwelt vielleicht am meisten genießen kann. Mein Leben geht weiter, mit einer Normalität, die ich schon lange nicht mehr in dieser Form erlebt habe. Und die mir auch absolut nicht normal vorkommt. Ereignislos ist es jedenfalls nicht. Die Dinge sind nur kleiner, überschaubarer und weniger gefährlich geworden. Obwohl diese Geschichte neulich, mit der Kreissäge am Dachsparren durchaus auch hätte anders ausgehen können. Und das Ende von Lee's Beziehung zu Waterloo Dashford, das war dramatisch, bewegend und voller unerwarteter Wendungen. Ich beobachtete Dashford immer noch gelegentlich, wie er betont unauffällig mit seinem Fahrrad um unser Haus fuhr. Fast täglich passiert etwas in Charlotteville und im Old Pirate's Inn über das ich schreiben könnte, aber ich fürchte, es wäre nicht mehr Wunderwelt-tauglich. Und ehrlich gesagt: Ich will auch nicht mehr. Ich möchte einfach mal eine Weile nicht mein eigener Chronist sein, sondern die kleinen und großen Geschichten wirklich nur erleben. Mit weit geöffneten Augen und Ohren und mitunter mit einer tief herunterhängenden Kinnlade. Neulich waren da diese zwei Norweger in unserem Laden, die... Nein, das Fass will ich jetzt nicht mehr aufmachen. Vielleicht könnt ihr das nachempfinden. Vielleicht seid ihr aber auch enttäuscht, traurig, böse, verzweifelt. Ich kann es verstehen, aber ich weiß nicht, wie ich's ändern sollte. Ich weiß nicht einmal, ob ich es ändern will. Zum ersten Mal nach diesen 24 Jahren habe ich Probleme, die passenden Worte zu finden und deshalb sage ich nur kurz und von ganzem Herzen: Danke!

Euer Paul E. Pop, Pirate's Bay, Charlotteville, Tobago